Richmond vs. Stadtplanung

4 Tage haben wir nun in der Innenstadt von Richmond nette Eckchen gesucht. Heute haben wir eines gefunden. Es ist in der Nähe des Flusses und des im 18. Jahrhundert angelegten Kanals, über den die Stromschnellen überwunden werden sollten, so dass man den Fluss als Handelsweg besser nutzen konnte. Dort befinden sich Geschäfts- und Lagerhäuser aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Man könnte es eine kleine Speicherstadt nennen. Es gibt dort einige, wenige kleine Läden und ein paar Restaurants und Bars. Auf einem Prospekt wird eine Kanal-Bootsfahrt beworben. Das Foto wirkt sehr einladend, ist diese Stelle mit den kleinen Ausflugsbooten auch, wenn nicht darüber eine 2-etagige, jeweils 6-spurige Straße verlaufen würde, die selbst am Sonntag, als die Stadt sehr ausgestorben ist, einen Höllenlärm macht.

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Ich verstehe diese Stadt nicht. Die ganze Innenstadt besteht nur aus hohen Häusern (Banken, Regierungsgebäude, Wohnblöcke) und Tiefgaragen. Es gibt kaum Geschäfte, manche sind verwaist. Dazwischen vereinzelt Restaurants und Tagesbars, in denen man zum Teil einige Lebensmittel kaufen kann, zumeist aber recht teure Sandwiches, Chips u.ä. Ich habe keinen einzigen Laden gesehen, in dem wir hätten Zahncreme oder auch nur ein Brot hätten kaufen können. Hier leben sehr viele Studenten, die VCU – Virginia Commonwealth University ist riesig groß. Wie leben die Studenten? Können sie es sich leisten, jeden Tag essen zu gehen oder können sie sich komplett an der Uni versorgen? Auf dem Stadtplan ist in der Innenstadt kein einziger Supermarkt eingezeichnet, sie befinden sich alle weit außerhalb der Stadt.

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Ich kann mich nicht erinnern, jemals in einer Stadt (wohlgemerkt Innenstadt) gewesen zu sein, die so wenig Einladendes hatte. Irgendein nettes Altstadtviertel findet sich meist überall. Hier gibt es vereinzelt auch noch Gebäude und Straßenzüge, die den Charme vergangener Zeiten erahnen lassen. Aber ihnen wird keinerlei Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Touristeninformation wurden wir auf das Capitol, einige Kirchen, das Poe Museum und den Kanal aufmerksam gemacht, und das war’s. Von dem kleinen, malerischen Hafenviertel war keine Rede.

Dabei kam Richmond sowohl im Amerikanischen Bürgerkrieg als auch in der Wirtschaft des 19. Jahrhunderts eine ganz zentrale Rolle zu. Diese Historie hätte es verdient, etwas besser in Szene gesetzt zu werden.

[Jan] An mir bleibt es wohl, das Versöhnliche zu schreiben.

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Mein erster Besuch in den USA war in Raleigh, North Carolina so um 2000, sind wir ja letzte Woche durchgekommen. Danach war ich davon überzeugt, dass alle amerikanischen Städte gar keine Innenstädte besitzen, sondern dort nur die Bankenhochhäuser und Kirchen übriggeblieben sind. Aller Einkauf wird in großen Shoppingmalls am Rande der Stadt erledigt. Zumindest für Raleigh und Richmond stimmt dies nach wie vor. Sabine hat mir diese Erzählungen scheinbar nie geglaubt und sucht seit 3 Tagen verzweifelt nach etwas Nettem.

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Heute haben wir doch noch ein paar gepflasterte Straßen mit netter kleiner Bebauung gefunden. Die Restaurants dort sahen vielversprechend aus. In einem irischen Pub haben wir, passend zur Oktoberfesteröffnung „Beer Cheese and soft Pretzel with Parmesan“ an Guiness zu uns genommen. Draußen auf der Veranda mit Ventilatoren unter der Überdachung dann doch amerikanisch gemütlich.

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Die Innenstadt zeigt mir genau, wohin wir mit unseren verdichteten Einkaufszentren die deutschen Innenstädte treiben werden. Zum Glück halten wir uns bei den Hochhäusern noch zurück.

Morgen geht’s an die Küste, wir haben uns noch ein bisschen Strand verdient. [/Jan]

2 Kommentare zu „Richmond vs. Stadtplanung“

  1. Hallo Sabine und Jan,
    das ist ja total klasse eure Seite. Man kommt super ins Träumen. Ich kam vorletztes Wochenende nur bis Österreich und machte den Biest Lauf (Spartan Race) mit in Oberndorf. (25 km Laufen 1500 Höhen Meter und 40 Hindernisse). Es lief ganz gut und ich bin unter die besten 30 % mit 5h und 34 min gekommen.
    Alles Gute aus dem kalten bewölkten München und viel Spaß beim Baden
    Christoph

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