Gestern haben wir Rolf als Verstärkung bekommen. Er ist auch gleich mit einem ausgearbeiteten Plan zur Besichtigung Santiago de Chiles aufgeschlagen. Erstmal ist es mit der Trödelei und dem langsamen Reisen vorbei, er hat ja „nur“ fünf Wochen Chile geplant. Rolf sagte, er sei bestimmt schon 14 mal in Südamerika gewesen, Verwandtschaft und Liebe zum Land helfen da. Also sind wir heute mit diesem Plan losgelaufen.

Das Barrio Brazil ist ein kleines, gemütliches Viertel. Abseits der breiten Straßen sind die Häuser nur zwei- bis dreigeschossig. An manchen Stellen wird sogar die rechtwinklige Häuserblockanordnung durchbrochen. Kleine versteckte Plätze laden zum Verweilen ein. Leider sind wir etwas spät und die Mittagsruhe hat schon begonnen, ansonsten wäre diese Dachterrasse ideal zum Kaffee trinken gewesen. Das Zully sieht sehr gut aus und wird auch so empfohlen.

Kaum haben wir uns weiter bewegt, tränen mir auf einmal die Augen. Kratzen im Hals und Niesanfall inklusive. Ich sag noch so zu Rolf und Sabine, hat sich gerade wie Pfefferspray angefühlt (1). Da es nicht so schlimm war, sind wir einfach weitergegangen. Aber nachdem wir zweimal um die Ecke gebogen sind, erwischt es uns alle drei. Eine entgegenkommende Person hält sich noch die Nase zu, da ist es schon passiert. Sabine und mir schießen die Tränen in die Augen und wir müssen schnell um die nächste Ecke rennen (2). Mir kratzt es jetzt noch im Hals. Keine Ahnung, war sicher nicht nur eine Dose Pfefferspray, sondern eher mehr.

Falls jemand die Gegend kennt, eine Erklärung wäre nett. Wir müssen erstmal etwas laufen, um uns wieder zu beruhigen.
Zwei Museen stehen auf dem Plan, als erstes das Naturkundemuseum am Jardin Alexander von Humboldt gelegen. Sehr anschaulich wird die Tier- und Pflanzenwelt Chiles und Südamerikas dargestellt. Zahlreiche Schulklassen, natürlich in Schuluniform, machen das Ganze erst so richtig lebendig.

Die große Dinohalle darf natürlich nicht fehlen, hier liefert aber der Blauwal das größte Skelett. Das Gebäude war der Ausstellung entsprechend auch sehr schick.

Rolf hatte uns schon von seinem Interesse an der chilenischen Geschichte und dem neuen Museum „Museo de la Memoria y los Derechos Humanos“ erzählt, welches er unbedingt sehen will. Im Museum geht es hauptsächlich um die Pinochet Diktatur, wie es dazu kam, welche Gräueltaten geschahen und wie es geendet hat. Das Ganze erinnert stark an den Holocaust, ist uns als Europäer aber doch recht fern.

Über drei Stockwerke zieht sich die Installation mit Portraits der Opfer, zahlreiche Videoinstallationen zeigen entscheidende Szenen der Diktaturzeit. Trotz meiner fehlenden Spanischkentnissse kann ich der Ausstellung folgen und mir ein Bild von den Lagern und dem Widerstand machen. Beeindruckend fand ich die Frauen der verschleppten Diktaturfeinde, die ihre Gefühlslage und Erlebnisse in Stoff gestickt haben. Sorry, war sehr schlecht zu photographieren.

Zusammen mit der Gasattacke ein Tag, den man nicht so schnell vergisst.

[update] Wie uns Evi und Kalle später erzählen, sind sie in Studentenproteste geplatzt, viel Polizei, Barrikaden, kurz vorm Brennen. Wäre evtl. interessanter gewesen, aber will man da wirklich dabeisein? Die Proteste scheinen schon länger anzuhalten, mal schau’n, ob es unter dem neuen Präsidenten besser wird. [/update]