Weihnachtsgeschenk

Martin, den Chef vom Hostal Mundo Nuevo treffen wir am Heiligabend beim Frühstück dann doch noch. Als Schweizer braucht er etwas länger, bis das Gespräch in Gang kommt. Er ist super sympathisch und hat sehr interessante Dinge zu berichten.

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Zunächst erzählt er, dass es in seiner Gegend derzeit sehr ruhig sei, weil alle Leute zum Silvesterfeuerwerk nach Valparaiso fahren. Pablo Neruda hat das Feuerwerk dort schon geliebt. Heute soll es eines der größten der Welt sein. Es erstreckt sich von Valparaiso bis nach Concón (ca. 20 km) an der Küste entlang. Alles sei restlos ausgebucht. Hausbesitzer vermieten ihre Balkone für bis zu 500,00 €. Überall stehen Menschen in Dreierreihen hintereinander.

Irgendwie kommen wir dann auf Erdbeben zu sprechen. Martin findet, dass man damit auf unterschiedliche Weise umgehen könne. Entweder sorge man für einen möglichen Notfall vor oder man renne im Notfall planlos umher. Das Letztere sei in Chile der Fall. Ich sage, dass es nach dem Erdbeben in Italien vom letzten Jahr wohl auch nicht besser sei. Da meint er nur, ja, eben beides lateinische Länder. Ich stutze. Ja, Europa könne man nach lateinischen und nichtlateinischen Ländern einteilen. (Chile ist aufgrund der spanischen Sprache ein lateinisches Land). Die nichtlateinischen Länder seien deutlich besser strukturiert. Grenze seien die Alpen. Alles nördlich funktioniert gut, Frankreich würde zu beiden Gruppen gehören und der südliche – italienische Teil der Schweiz würde nicht mitzählen. Interessanter Denkansatz. Passt vielleicht nicht ganz für alle Länder Europas, aber als grobe Orientierung okay. Wobei unbedingt zu erwähnen ist, dass die Peruaner – in Martins Sinne Lateiner – sehr große Vorkehrungen für mögliche Erdbeben treffen. Überall findet man Hinweisschilder, wo man Schutz finden kann und wie man hinkommt. Aber in Peru gibt es ja auch noch viele Nachfahren der Inkas.

Ein Bekannter von Martin, der über viele Jahre auf verschiedenen Kontinenten Sozialprojekte betreut hat, teilt die Länder dieser Welt nach dem Kriterium Jahreszeiten ja oder nein ein. Wenn es in einem Land keine unterschiedlichen Jahreszeiten gibt, d.h. es ist das ganze Jahr über so warm, dass immer Obst und Gemüse wachsen und das Land hat Zugang zum Meer, dann ist es sehr schwer, den Menschen dieser Länder planendes Handeln zu vermitteln. Sie sehen darin keinen Sinn. Wenn sie Hunger verspüren, pflücken sie eine Banane oder fangen einen Fisch. In Ländern, in denen es auch eine kalte Jahreszeit gibt, müssen Menschen vorsorgen und Vorräte anlegen. Sie sind für strukturiertes, vorausschauendes Leben und Arbeiten offen.

Die Sichtweisen, die Martin mir zuteil werden lässt, sind ein tolles Geschenk. Ich werde die weiteren Länder unserer Reise unter diesem Aspekt anschauen.

Unser Gespräch dauerte nur wenige Minuten und war so eine große Bereicherung. Danke, Martin.

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