Unter Indianern

Als alter Karl May Leser wollte ich das natürlich immer schon schreiben. Trotzdem war ich heute morgen sehr skeptisch, wie touristisch und pseudokulturell ein Besuch in einem nachgebauten Indianerdorf ausfällt. Zumal das Wetter mit 16° und Regen genau dem entspricht, was ich ja in diesem Jahr nicht haben wollte.

Also, Quebec-Wendake Indianerreservat, Huronen besuchen. Anfahrt gestaltet sich sehr nordamerikanisch, 45 Minuten Busfahrt, dann 20 Minuten laufen, zwar durchs Wohngebiet aber ohne Bürgersteig. War aber auch das einzig Negative heute.

Wir sind nicht in das Museum gegangen sondern in das Museumsdorf. Günstigste Tour gebucht und uns überraschen lassen. Junger Bursche hat die Führung gemacht, mit uns noch eine indische Familie aus Ottawa, nette kleine Gruppe.

Nachdem er uns die Funktion des Medizinmannes als Wissensvermittler zwischen derimg_1100.jpg Geisterwelt und dem Menschlichen, nicht als Heiler, vorgestellt hat, teilt er uns auch gleich mit, dass er halber Hurone ist, weiße Mutter, indianischer Vater. Damit darf er offiziell im Reservat leben, seine Mutter, da geschieden, allerdings nicht mehr. Reservat ist eher ein kleines Dorf am Rande von Quebec City.

Das Wendake Reservat ist kein typisches kanadisches Reservat, da, so nah an der Stadt, jeder Einwohner die Chance hat, arbeiten zu können und es nur eine geringe Arbeitslosigkeit gibt. In allen anderen Reservaten ist die Situation eher schlecht bei 70-90% Arbeitslosigkeit und den daraus resultierenden sozialen Konflikten. Auch in dem Museumsdorf dürfen nur echte Indianer arbeiten.

Als wir dann im aufgebauten Tipi stehen, sagt der Indianer doch glatt, dass keiner seiner Vorfahren jemals in einem Tipi gelebt hat. Das liegt daran, dass die Huronen sich zu 70-80% vom Ackerbau ernährt haben und damit nur alle 20-25 Jahre ihr Dorf verlegen mussten. Damit machen festere Gebäude halt mehr Sinn. Die sogenannten Langhäuser sind nach einem sehr einfachen Prinzip entstanden. In jedem Haus lebten mehrere Familien zusammen, die Mädchen durften sich im Nachbarhaus ihren Mann aussuchen und dieser ist dann mit ins Haus gezogen. Damit lebte eine Familie mehr im Haus und es wurde einfach angebaut. Je mehr Familien desto länger das Haus. Breite ist konstruktionsbedingt immer die gleiche.

Sauna, Trockenfisch, Rindenkanu, Räucherhaus und rituelle Tänze durften auch nicht fehlen.

Politisch wurde unser Führer, als er erklärte, wie die Huronen zusammen mit den Franzosen gegen die Briten und Irokesen kämpfen mussten, am Ende waren nur noch 300 Huronen übrig. Heute gibt es wieder ca. 96.000.

Die katholische Kirche, die unter IMG_1166.jpgDenkmalschutz im Reservat steht, würde von den HuroneIMG_1167.jpgn nicht besucht, da sie einerseits nach der Missionierung ein etwas gespaltenes Verhältnis zur westlichen Religion aufgebaut hätten und andererseits es in der Kirche keinen Priester sondern nach wie vor einen Missionar gäbe. Kann ich nachvollziehen, Vorteil von einem jungen Führer, er spricht halt auch mal solche Wahrheiten aus.

Die Huronensprache wird geIMG_1163.jpgrade wiederentdeckt. Alle Kinder in der Grundschule im Reservat haben 2 Stunden Wyandot in der Woche. Die Sprache war ausgestorben, aber die französischen Missionare haben in Lautschrift und mit speziellen Buchstaben, einiges transkribiert. Aus diesen Aufzeichnungen wurde die Sprache rekonstruiert und beginnt gerade wieder zu leben. Alle Straßenschilder im Reservat sind zweisprachig. Stop heißt Seten, Onhoüa Chetek8e heißt Damals und Heute. Die 8 ist ähnlich einem skandinavischen å, also o mit noch stärker gerundeten Lippen aussprechen. Kam mir jedenfalls so vor. Sprachwissenschaften hautnah.

Sehr schöne Führung, viele Informationen. Mittagessen.

Auswahl zwischen Rehchili, Bisonwürstchen und Fischfrikadelle. Ich Bison, Sabine Fisch. Bison waren leider größenmäßig nur 3 Nürnberger, aber sehr lecker. Sabine war mit der Frikadelle auch zufrieden. Vorspeise Getreidesuppe, Nachspeise Kuchen mit Ahornsirup, alles lecker. Problematisch fand ich das alkoholfreie Fichtenbier, musste es aber unbedingt bestellen. Geruch Saunaaufguss, Geschmack süßer Saunaaufguss.

Gerade kommt Sabine rein und sagt „Sehr schöner Tag, vor allem weil ich nichts erwartet hatte.“ Finde ich auch!

Lange genug Winnetou, Old Shatterhand / Cara Ben Nemsi und anderen gefolgt, um sowas nicht genießen zu können. Noch ein Fichtenbier drauf, Howgh.

IMG_1104.jpg

 

3 Kommentare zu „Unter Indianern“

  1. Hi Jan und Sabine,
    wenn ihr mehr über nordamerikanische(und andere) indigene Völker erfahren wollte, auch ihre Probleme und unsere Lösungsvorschläge, abonniert doch gerne unseren Newsletter auf http://www.survivalinternational.de. Survival kämpft seit über 50 Jahren für die Rechte indigener Völker.
    Viel Spaß der der Weiterreise,
    Fabian

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